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Groteske
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Das Groteske (von italienisch grottesco zu grotta âHöhleâ) ist ein kĂŒnstlerisches Stilmittel, das auch als Genre- beziehungsweise Gattungsbegriff (die Groteske) in der Bildenden Kunst, der Literatur, der Musik und den Darstellenden KĂŒnsten je nach Epoche in sehr unterschiedlicher Bedeutung Verwendung findet.
Contents
âą Begriff
âą Bildende Kunst
âą Literatur
âą Musik
âą Oper
âą Theater und Tanz
âą Film
âą Schrift
âą Literatur
âą Einzelnachweise
âą Weblinks
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Begriff
Umstritten waren Grotesken seit ihrem ersten Auftreten. Vitruv (1. Jahrhundert v. Chr.) hat schon frĂŒh das Ausufernde der pompejanischen Wandmalereien (zu deren 4. Stil die Malereien im Goldenen Haus Neros (Domus Aurea) gerechnet werden) kritisiert:
âAuf dem Stuck sehen wir abenteuerliche Missgestalten, nicht klare Wiedergaben klar vorhandener Dinge. Statt SĂ€ulen wachsen RohrstĂ€ngel empor; statt Giebeln gestreifte Zierrate mit krausen BlĂ€ttern und Voluten. Kandelaber stĂŒtzen Tempelchen hoch, und ĂŒber deren First wachsen BĂŒndel von dĂŒnnen Stengeln aus Wurzeln und Ranken, mit da und dort verstreuten Figuren, oder dĂŒnne Stiele mit Menschen und Tierköpfen, die auf einem halben Körper sitzen. Solche Dinge gibt es nicht, kann es nicht geben, hat es nie gegeben. (âŠ) Denn wie könnte ein Halm wirklich ein Dach stĂŒtzen, ein Kandelaber den Giebelschmuck oder ein weicher dĂŒnner Halm eine sitzende Figur, oder wie könnten Blumen und halbe BildsĂ€ulen abwechselnd aus Wurzeln und Stengeln wachsen?âcite-ref-bou-1-0[1]
Das Zedler-Lexikon definiert im Jahr 1735 das Groteske, in Anlehnung an die unzulĂ€ssigen Freiheiten der Maler und Dichter laut Horaz (Ars poetica, ca. 15 v. Chr.), als Nichteinhalten von Ordnungen oder Gestaltungsprinzipien: âGrotesque ist eine Freyheit derer Mahler oder Bildhauer, etwas wiedersinniges und lĂ€cherliches, oder ungeschickte Bildungen von Thieren, Vögeln, halben Menschen, Waffen, Laubwerk und dergleichen kĂŒnstlich durch einander geflochten vorzustellen.âcite-ref-2[2] Der Begriff unterscheidet ursprĂŒnglich nicht, ob das Groteske den âgeschicktenâ Darstellungsweisen nicht genĂŒgen kann, nicht genĂŒgen will oder deren WertmaĂstĂ€be gar nicht kennt.
Ihren Ursprung hat die Groteske in der Kunst der Renaissance, als Bezeichnung fĂŒr bestimmte antike und von ihnen abgeleitete neuzeitliche Ornamentformen. Pietro Luzzi (auch als Morto da Feltre bekannt), ein Maler des ausgehenden 15. Jahrhunderts, gilt als der Entdecker der antiken Vorlagen. Er âerhielt von seinen Zeitgenossen den Namen der Tote. Tagelang hatte er sich in den Ăberresten des ehemaligen Palastes Neros aufgehalten und gearbeitet. Das Goldene Haus Neros war im Jahr 104 durch einen Brand zerstört, von Trajan zugeschĂŒttet und mit Thermen ĂŒberbaut worden. So geriet es in Vergessenheit, bis sich etwa um 1490 Maler fĂŒr den nun unter der Erde liegenden Palast interessierten. Von ihren Exkursionen in die Unterwelt brachten sie Aufzeichnungen mit â seltsam anmutende Malereien, die sie in den dunklen GĂ€ngen kopiert hatten. Das Grottenartige des ehemaligen Palastes gab diesen Malereien ihren Namen: Grotesken werden sie seither genannt. Dieser belanglos wirkende Vorgang hatte weit reichende Konsequenzen. Grotesken galten in der Renaissance als das Kennzeichen fĂŒr italienische Zeichnungen allâantica ĂŒberhaupt.âcite-ref-bou-1-1[1]
Als Ornamente werden die Groteske, die Arabeske und die Maureske oft miteinander in Beziehung gesetzt oder fĂŒr synonym gehalten. Sie sind gleichermaĂen Ausdruck des Exotischen und des Regellosen, nach den MaĂstĂ€ben einer christlich geprĂ€gten Kultur. Dieses Bizarre und Phantasievolle faszinierte, ohne sich ĂŒber die religiösen Konventionen jener Zeit erheben zu können und zu wollen, die es als Karnevaleskes oder DĂ€monisches verstanden.cite-ref-3[3]
Vom 17. Jahrhundert an umfasst das Groteske das VolkstĂŒmliche, Ungehobelte, zum Teil auch das AltertĂŒmliche im Sinn des Veralteten (âSchwulststilâ), im Unterschied zu den formellen, stark reglementierten höfischen Kunstformen, wie sie die französische Klassik propagierte. Die âVertreibung Harlekinsâ in Gestalt des Tabarin oder spĂ€ter im sogenannten Hanswurststreit steht etwa fĂŒr die Abkehr einer neuzeitlichen Hochkultur vom Grotesken.cite-ref-4[4] Im 20. Jahrhundert, nach dem Ende der adligen Vorherrschaft in Europa, löst sich der Begriff des Grotesken vom VolkstĂŒmlichen und von seiner GeringschĂ€tzung (im Unterschied zum umgangssprachlichen Adjektiv grotesk). Er dient als Stilbegriff fĂŒr drastische Komik und monströse Ăbertreibung, zum Beispiel fĂŒr den ĂŒbersteigerten Ausdruck des Expressionismus.
Der Duden versucht, das Groteske an bestimmten Eigenschaften eines Werks der Bildenden Kunst oder der Literatur festzumachen: als Darstellung âeiner verzerrten Wirklichkeit, die auf paradox erscheinende Weise Grauenvolles, Missgestaltetes mit komischen ZĂŒgen verbindetâ.cite-ref-duden1-5-0[5] Aus heutiger Sicht ist dies nur sinnvoll, wenn solche Merkmale als RegelverstoĂ beabsichtigt sind und nicht bloĂ vom Urteil ihrer Kritiker abhĂ€ngen.
Nach Michail Bachtin ist die Groteske in Literatur und bildender Kunst jedoch nicht nur eine in satirischer Absicht benutzte Hyperbel, sondern signalisiert eine grundlegende Ambivalenz: Einerseits erkennen wir in ihr die RealitÀt wieder, andererseits empfinden wir moralische Befriedigung, indem wir das Dargestellte verhöhnen. Zugleich ist der groteske Körper keine individuelle Einheit, sondern nur ein Durchgangsstadium in einem dauernden Prozess der Verwandlung und Erneuerung.cite-ref-6[6]
Die werkimmanente Interpretation, wie sie in der Literaturwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ĂŒblich war, versuchte das Groteske als ahistorisch wertfreies Stilmittel zu bestimmen, wie etwa Wolfgang Kayser (âDas Groteske ist eine Strukturâ).cite-ref-7[7] Mit dieser Betrachtungsweise wurde die Tatsache ausgeblendet, dass mit dem Etikett des Grotesken das gesellschaftlich Niedere der jeweiligen Zeit festgelegt, aufgewertet, oder umgekehrt das Hochstehende zum Niederen abgewertet wird. Die Verbindung des Begriffs mit der Wertung des Betrachters war Kayser allerdings bewusst: âWer mit der Kultur der Inka nicht vertraut ist, wird manche ihrer BildsĂ€ulen fĂŒr grotesk halten [âŠ]â.cite-ref-8[8] Der Gestus der Aufwertung kann das Vorurteil stĂŒtzen, dass es sich um etwas Niederes handle. Mit der zunehmenden Einsicht in die RelativitĂ€t von Normen löste sich das Groteske von negativen Konnotationen. Zudem bezog sich das Groteske weniger auf das Fremde (mit dem Anspruch, dass der Exotismus das Fremde so wahrnehme, wie es sei) als auf die absichtliche Verfremdung oder Entfremdung eines Vertrauten. Wenn es nicht mehr nötig ist, einen Unterschied zu herrschenden Normen herauszustellen, verliert das Groteske als Stilbegriff seine Bedeutung.
Peter FuĂ in seiner neueren Ăberblicksdarstellung bezeichnet das Groteske als âMedium des kulturellen Wandelsâ.cite-ref-9[9] Das Groteske im Ă€lteren, frĂŒhneuzeitlichen Sinn ist Ausdruck des nicht Normalen oder nicht Normierten, im modernen Sinn stellt es Normen in Frage. âErst das harte Aufeinandertreffen von Vertrautem und Ungewohntem lĂ€sst das Groteske entstehenâ, erklĂ€rt Petra Mayer mit Bezug auf E. T. A. Hoffmann.cite-ref-10[10] Nach Dorothea Scholl bewegt sich der Mensch seit der Renaissance âzwischen dem Erhabenen und dem Groteskenâ,cite-ref-11[11] wobei das Erhabene zunĂ€chst noch religiös geprĂ€gt war und seit dem 17. Jahrhundert von der Hofkultur definiert wurde (und die HoffĂ€higkeit zu den begehrtesten sozialen Eigenschaften gehörte).
Bildende Kunst
In der Bildenden Kunst ist âdie Groteskeâ ein Ornament, verwandt mit der weniger figĂŒrlichen Arabeske und der Maureske. Sie besteht aus einem flĂ€chenfĂŒllenden Geflecht, in dem sich Fabelwesen, Pflanzenelemente, BĂ€nder oder GefĂ€Ăe erkennen lassen, und fĂŒhrte in der Hochrenaissance zu charakteristischen Dekorationen wie dem Florisstil.
Als das bedeutendste Beispiel fĂŒr Groteskenmalereien in der Renaissance gelten die Loggien Raffaels. 1512 hatte Raffael die von Bramante begonnenen Arbeiten an der Stadtfassade des ehemaligen Palastes von Nikolaus V. fortgesetzt. Er vollendete das zweite Stockwerk, das seitdem die Loggien Raffaels genannt wird und setzte noch eine dritte Loggia darauf. 1517 wurde mit der AusschmĂŒckung der Loggien begonnen, dem Jahr, in dem Luther seine 95 Thesen ĂŒber den Ablass in Wittenberg anschlug. In den 13 Gewölben befinden sich die GemĂ€lde, die als die Bibel Raffaels bezeichnet werden und die das Konkurrenzunternehmen zu Michelangelos Sixtinischer Kapelle darstellen sollten.
In zwölf der Gewölbe sind jeweils vier Szenen aus dem Alten Testament und in dem 13. Gewölbe vier Szenen aus dem Neuen Testament dargestellt. Allerdings sind diese biblischen Darstellungen unbedeutend gegenĂŒber der verwirrenden Vielfalt der mythologischen Szenen, den Landschaftsmalereien und Fruchtgirlanden, den Mischungen aus Menschen, Tieren, Pflanzen und architektonischen GebĂ€uden. In diesem Aufbau folgen die als das kleine domus aurea bezeichneten Loggien direkt ihrem groĂen Vorbild; zum Teil wurden Abbildungen aus dem Goldenen Haus direkt ĂŒbernommen. Alfred BouĂ geht davon aus, dass sich am Beispiel der Loggien Raffaels in exemplarischer Weise die Verbindung von Grotesken und ihrem architektonischen und gesellschaftlichen Rahmen anschaulich machen lĂ€sst.cite-ref-12[12]
âDas Groteskeâ wird zwar gelegentlich zum Stilmittel verallgemeinert, mit dem das VolkstĂŒmliche oder PopulĂ€re, das HĂ€ssliche, Obszöne, Komische oder Unproportionierte zu Kunst erhoben werde, es wird aber nicht zum Gattungsbegriff gemacht. Oft wird das Groteske in einen Zusammenhang mit der Karikatur gebracht, so von Christoph Martin Wieland (Unterredungen zwischen W* und dem Pfarrer zu *, 1775).cite-ref-13[13] Von einem Grotesken ist, manchmal abwertend und manchmal wertfrei, ohne kunstgeschichtliche Verortung die Rede: von den allegorischen Gestalten Hieronymus Boschs ĂŒber die Fabelwesen von Johann Heinrich FĂŒssli bis hin zu den âKunstismenâ des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Literatur
Das Groteske als beabsichtigter VerstoĂ gegen kĂŒnstlerische Normen (vor allem gegen die biensĂ©ance oder Schicklichkeit, aber auch gegen die vraisemblance als erwartetem Anschein eines Wirklichen oder Wahrhaftigencite-ref-14[14]) spielt fĂŒr die Aufwertung des PopulĂ€ren in der Romantik eine besondere Rolle. Friedrich Schlegel (der einen Gattungsbegriff der Arabeske entwickelte), Jean Paul oder E. T. A. Hoffmann widmeten sich auch literaturtheoretisch dem Grotesken. FĂŒr die etwas spĂ€ter angesetzte französische Romantik um Victor Hugo (der sich in der Schlacht um Hernani 1830 gegen das höfische Theater durchsetzte) oder ThĂ©ophile Gautier wurde es zum Modebegriff. Edgar Allan Poe vereinte modernisierte Vanitas-Motive unter dem Motto des Grotesken zu einer populĂ€ren Literarisierung des Grauens (Tales of the Grotesque and Arabesque, 1840) und musste sich dabei gegen den Vorwurf des germanism verteidigen. Die derbkomischen und hintergrĂŒndigen Humoresken Wilhelm Buschs entlarven das scheinbar Idyllische eines VolkstĂŒmlichen. Die absurd-existentialistischen Texte Samuel Becketts oder EugĂšne Ionescos versehen eine Welt des Durchschnittlichen und Banalen mit grotesken Elementen. Das Groteske reicht hier vom Wunderlich-Seltsamen ĂŒber das Ironische bis hin zum Sinnlosen und DĂ€monischen. Beispiele von interessanten Figuren mit geringem gesellschaftlichen Ansehen, die gleichzeitig Abscheu und Mitleid erregen sollen, sind der Glöckner von Notre-Dame, Frankensteins Monster, das Phantom der Oper sowie Gollum in Tolkiens Welt.
Bekannte Verfasser von Grotesken im Sinne des Gattungsbegriffs sind unter anderen Hermann Harry Schmitz, E. T. A. Hoffmann, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Oskar Panizza, Nikolai Gogol, Groucho Marx und Lewis Carroll (Alice im Wunderland, 1865). In allen Werken Franz Kafkas prĂ€gt das Groteske seinen ErzĂ€hlstil. FĂŒr die Zeit nach 1945 sind Friedrich DĂŒrrenmatt, Max Frisch, Edgar Hilsenrath und Ror Wolf zu nennen. Sammlungen grotesker und surrealer Geschichten wurden unter dem Titel SchrĂ€ge Geschichten herausgegeben.cite-ref-15[15]
Seit 1985 wird jĂ€hrlich der Kasseler Literaturpreis fĂŒr grotesken Humor vergeben.
Musik
Der Begriff Groteske tritt hĂ€ufig in Verbindung mit der Musik des Fin de SiĂšcle auf und wird auch als Gattungsbegriff fĂŒr CharakterstĂŒcke verwendet. Insbesondere im deutschsprachigen Raum lĂ€sst sich diese Tendenz beobachten, etwa bei Erwin Schulhoff, Josef Matthias Hauer, Stefan Wolpe oder auch Erich Wolfgang Korngold. Die Wiener Universal Edition veröffentlichte 1921 ein Grotesken-Album mit KlavierstĂŒcken, die programmatisch ein LĂ€ndliches wie BĂ©la BartĂłks Ungarische VolkstĂ€nze op. 20 oder ein Subkulturelles wie den Wurstelprater aus der musikalischen Sicht Felix Petyreks schildern. Gustav Mahler verwendet die Groteske nicht als Titel oder Untertitel seiner Werke, seine Musik aber wird manchmal als Musterbeispiel fĂŒr groteske Kompositionsverfahren herangezogen. Die Unterbrechung eines Historismus wie jenem der Sinfonien von Johannes Brahms durch musikalische Elemente, die nicht regelhaft oder maĂvoll erscheinen, weil sie der PopulĂ€rkultur oder exotischen Vorbildern nachempfunden sind, ist fĂŒr diese EinschĂ€tzung von Bedeutung.cite-ref-16[16] Ăhnliches gilt fĂŒr Franz Schreker. Weitere oft genannte Vertreter eines grotesken Kompositionsstils sind György Ligeti, Arnold Schönberg und Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.
Oper
Ab dem spĂ€teren 18. Jahrhundert war es Mode, AutoritĂ€ten mit grotesken Stilmitteln auszustatten, die der StĂ€ndeklausel gemÀà eigentlich den niederen Figuren vorbehalten waren (wie etwa der âgrotesken Gestalt des Mohren Monostatosâcite-ref-17[17] in Mozarts Zauberflöte, 1791). Solche Figuren in der Oper sind etwa der BĂŒrgermeister von Zaandam in Albert Lortzings komischer Oper Zar und Zimmermann (1837), die Figur des Schulmeisters in dessen WildschĂŒtz (1842) wie auch die Figur des Falstaff in der gleichnamigen Oper (1893) von Giuseppe Verdi. Eine groteske Opernfigur ist auch Kowaljows Nase in Dmitri Schostakowitschs Oper Die Nase (1930).cite-ref-18[18]
Theater und Tanz
Im Theater von der Renaissance bis zur Französischen Revolution war das Groteske gleichbedeutend mit Darstellungen, die nicht zur Welt des Adels gehörten, die also etwas gröber und realistischer waren als die idealen Figuren der Tragödie (siehe StĂ€ndeklausel). In diesem abqualifizierenden Sinn wurden die Figuren der Commedia dellâarte fĂŒr grotesk gehalten. Die volkstĂŒmliche Pantomime (wie z. B. Der siegende Amor, 1814) zeigte das Groteske im Unterschied zum höfischen Ballett. Das Exotische und das LĂ€ndliche auf der BĂŒhne galten als grotesk, wie etwa die TĂŒrken in den Komödien MoliĂšres und in den Balletten Jean-Baptiste Lullys.cite-ref-19[19] Johann Gottfried Kiesewetter hielt zum Beispiel den Grotesktanz fĂŒr eine passende Charakterisierung der âwildenâ Indianer im Ballett von Spontinis Oper Fernand Cortez (1800).cite-ref-20[20] Diese Bedeutung des Grotesken ging im 19. Jahrhundert zunehmend auf die Bezeichnung Charakter- ĂŒber, wie in den Zusammensetzungen Charaktertanz und Charakterrolle.
Im 20. Jahrhundert verlor das Groteske auf der BĂŒhne mitunter seine ursprĂŒngliche Verbindung mit dem Komischen und seine Bedeutung als Zeichen fĂŒr niedere gesellschaftliche Stellung. Es konnte das Verzerrte auch im tragischen Sinn mit einschlieĂen wie im Melodram (bekannt ist etwa noch Blut und Liebe, 1912, von Martin Luserke) sowie Adlige und Herrscherfiguren charakterisieren wie den Ochs von Lerchenau in Hugo von Hofmannsthals Der Rosenkavalier (1911) oder, ins Extrem gesteigert, König Ubu (1896) von Alfred Jarry. Arthur Schnitzler bezeichnete sein StĂŒck Der grĂŒne Kakadu (1899) als Groteske.
Das Groteske als Stilmittel der populĂ€ren âNummernâ in Singspielhalle, VarietĂ©, Music Hall oder Vaudeville war nach dem Ersten Weltkrieg Ă€sthetisch aufgewertet. Ab den 1920er Jahren wurde Valeska Gert (1892â1978) fĂŒr ihre GrotesktĂ€nze beziehungsweise -pantomimen bekannt (und dafĂŒr postum 2004 mit einem Stern auf dem Walk of Fame des Kabaretts ausgezeichnet).
Der Dramatiker Friedrich DĂŒrrenmatt definierte das Groteske in seiner Dramentheorie im RĂŒckblick auf den Zweiten Weltkrieg als âGesicht einer gesichtslosen Weltâ.cite-ref-21[21] In einer Welt der nivellierten gesellschaftlichen Unterschiede werde das Tragische zum grotesken Element der Komödie. In dieser Tradition kann noch George Taboris Drama Mein Kampf (1987) gesehen werden.
Film
In den 1920er-Jahren galten Slapstick-Komödien als âGroteskfilmâ, was noch das geringere Genre und die geringer bewerteten Figuren und Handlungen meinte. Im moderneren Sinn wird der Begriff des Grotesken im Tonfilm verwendet: Er kann dem Lexikon der Filmgeschichte nach einen âdrastischen Kontrast zwischen erzĂ€hlter Welt und den Ereignissen der Geschichteâ meinen, âMisstöne und Dissonanzenâ inszenieren oder âĂbermaĂ und Ăberflussâ prĂ€sentieren.cite-ref-22[22] Der Ausdruck Groteske wird oft verwendet, wenn diegetische Elemente des Films mit extradiegetischen konfrontiert oder akzentuiert werden wie beim akustischen PhĂ€nomen des Slapstick.cite-ref-23[23]
Satirisch ĂŒberspitzte oder absurde Filmkomödien wie die Monty Python-Werke oder Adams Ăpfel und DĂ€nische Delikatessencite-ref-24[24] werden als Beispiele fĂŒr das Groteske im Film genannt. Die Mehrheit der Filme, die heute mit dem Grotesken in Verbindung gebracht werden, sind dagegen keine Komödien: Als âDekonstruktion des kulturellen Wertesystemsâ ist Pasolinis Die 120 Tage von Sodom (1975) analysiert worden.cite-ref-25[25] David Cronenbergs Filmecite-ref-26[26] stehen ihrerseits dem Horror-Genre nahe.
Schrift
Auch eine Schriftart heiĂt seit Anfang des 19. Jahrhunderts Grotesk; mit ihr wurden die UrsprĂŒnge der lateinischen Schrift wiederbelebt und mit ihren ohne organische Verschlingungen und serifenlosen â also frei und ohne âHaltâ im Raum stehenden Buchstaben â lĂ€sst sich eine Verbindung zu dem Ursprung in der Bildenden Kunst herstellen.cite-ref-27[27]
Literatur
Darstellende Kunst
âą Stefan Hulfeld, Rudi Risatti, Andrea Sommer-Mathis (Hg.): Grotesk! Ungeheuerliche KĂŒnste und ihre Wiederkehr. Hollitzer, Wien 2022, ISBN 978-3-99012-936-4.
Bildende Kunst
âą Gerti Fietzek, Michael Glasmeier (Hrsg.): Wilhelm Fraenger: Formen des Komischen. VortrĂ€ge 1920â1921. Verlag der Kunst, Dresden 1995, ISBN 3-364-00357-2.
Anthologien
âą Heiko Arntz (Hrsg.): SchrĂ€ge Geschichten â Grotesken aus zwei Jahrhunderten, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1997, ISBN 3-15-009643-X.
Dichtung
⹠Reinhard Berron: Elemente grotesken ErzÀhlens in der europÀischen Versnovellistik. Köln 2021, ISBN 978-3-412-52168-4.
âą Otto F. Best: Das Groteske in der Dichtung. WBG, Darmstadt 1980, ISBN 3-534-06187-X.
âą Dorothea Scholl: Von den âGrotteskenâ zum Grotesken: Die Konstituierung einer Poetik des Grotesken in der italienischen Renaissance. LIT, MĂŒnster 2004, ISBN 3-8258-5445-0.
âą Harald Fricke, Klaus Weimar, Klaus GrubmĂŒller, Jan-Dirk MĂŒller: Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft: Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Walter de Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-11-010896-8.
âą Wolfgang Kayser: Das Groteske. Seine Gestaltung in Malerei und Dichtung. Nachdruck der Erstausgabe von 1957. Stauffenberg, TĂŒbingen 2004.
âą Michail M. Bachtin: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1996.
âą Christian W. Thomsen: Das Groteske im englischen Roman des 18. Jahrhunderts. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1974, ISBN 3-534-06860-2 (mit einer Ăbersicht ĂŒber die nach Kayser, 1957 erschienene SekundĂ€rliteratur).
Musik
âą Frederico Celestini: Die Unordnung der Dinge. Das musikalische Groteske in der Wiener Moderne (1885â1914). Beihefte zum Archiv fĂŒr Musikwissenschaft. Franz Steiner Verlag, MĂŒnchen 2006, ISBN 3-515-08712-5.
âą Bettina Wagner: Dmitri Schostakowitschs Oper âDie Naseâ. Zur Problematik der Kategorie des Grotesken in der Musik. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2003, ISBN 3-631-50154-4.
âą Gabriele Beinhorn: Das Groteske in der Musik. Arnold Schönbergs âPierrot Lunaireâ. Musikwissenschaftliche Studien. Bd. 11. Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1989, ISBN 3-89085-292-0.
Religionswissenschaft
âą Alfred BouĂ: Die Bewegung der Erstarrung, Von Grotesken und Groteskem. in: Foedera naturai: Klaus Heinrich zum 60. Geburtstag, hrsg. von Hartmut Zinser, Karl-Heinz Kohl, Friedrich Stentzler, Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 1989, S. 59â69, ISBN 3-88479-440-X
Einzelnachweise
cite-note-bou-11. â Alfred BouĂ: Die Bewegung der Erstarrung, Von Grotesken und Groteskem, in: Foedera naturai: Klaus Heinrich zum 60. Geburtstag, hrsg. von Hartmut Zinser, Karl-Heinz Kohl, Friedrich Stentzler, Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 1989, S. 59â69, hier S. 59. ISBN 3-88479-440-X
cite-note-22. â Johann Heinrich Zedler (Hg.): Grosses vollstĂ€ndiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und KĂŒnste, Zedler, Halle und Leipzig 1735, Bd. 11, Sp. 1083.
cite-note-33. â Vgl. James Luther Adams, Wilson Yates (Hg.): The Grotesque in Art & Literature. Theological Reflections, Eerdmans, Cambridge 1997, ISBN 0-8028-4267-4
cite-note-44. â Christian Kirchmeier: Moral und Literatur. Eine historische Typologie. Fink, MĂŒnchen 2014, ISBN 978-3-8467-5572-3, S. 237.
cite-note-duden1-55. â Duden: Die Groteske, online unter duden.de, abgerufen am 19. Sep. 2018.
cite-note-66. â Michail Bachtin: Die groteske Körperkonzeption und ihre Quellen, in: Ders.: Rabelais und seine Welt: Volkskultur und Gegenkultur. Frankfurt 1995, S. 345 ff.
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Weblinks
Wikiversity: Die gefÀhrliche Wette
â Kursmaterialien
Wiktionary: Groteske
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Das Groteske in der Literatur â Das Suahelischnurrbarthaar im Kattegatt Sendung in RadioWissen des BR (Webarchiv)
âą Goethe spricht in den Phonographen Groteske von Mynona